Offener Dialog als alternativer Behandlungsansatz in psychosozialen und psychotischen Krisen
Interview mit Michél & Paula vom Offenen Dialog e.V. in Leipzig
MUT-SCOUT Alina kam mit Michél & Paula vom Offenen Dialog e.V. Leipzig ins Gespräch und gibt Einblicke, was den Offenen Dialog ausmacht und wie er wirkt.
Der Offene Dialog schafft einen großen Mehrwert für Selbstreflexion, Miteinander und Verständigung in Krisenzeiten – Themen, die viele Menschen berühren.
Lieber Michél, liebe Paula, für alle, die den Begriff vielleicht zum ersten Mal hören – was genau ist unter dem „Offenen Dialog“ zu verstehen?
Der Offene Dialog ist eine dialogische Herangehensweise an Krisen, die aus Finnland, genauer gesagt einem kleinen Ort in West Lappland, stammt. Im Kern geht es darum, dass Menschen, die sich in einer psychischen Krise befinden, gemeinsam mit ihrem sozialen Umfeld und Fachpersonen in einen offenen, gleichberechtigten Austausch gehen und begleitet werden. Anstatt über jemanden zu reden, reden wir mit allen Beteiligten transparent, respektvoll und auf Augenhöhe. Es werden keine fertigen Lösungen vorgegeben, sondern wir schaffen einen Raum, in dem ein neues Verständnis und neue Wege gemeinsam entstehen können.
Das Schöne am Offenen Dialog ist, dass alle Personen Gehör finden und das in einem gehaltenen Rahmen. Also die von einer psychischen Krise betroffenen Menschen selbst, aber auch die Angehörigen (Familie, Freund*innen, Therapeut*innen etc.) werden mit ihren Themen, Wünschen und Fragen gehört. Ein s.g. Netzwerkgespräch wird immer von zwei im Offenen Dialog geschulten Fachpersonen moderiert.
Welche Menschen profitieren besonders vom Offenen Dialog? Und in welchen Lebenssituationen kann er hilfreich sein?
Grundsätzlich kann jeder Mensch in Krisenzeiten vom Ansatz des Offenen Dialoges profitieren. Besonders hilfreich ist das Konzept, wenn verschiedene Perspektiven und Beziehungen miteinander verstrickt sind und Kommunikation schwierig geworden ist. Es geht also nicht um „Behandlung“, sondern um die Situation, die gerade da ist. Es geht um Zuhören und gegenseitiges Verstehen.
Ebenso wertvoll ist, dass sich durch die Teilnahme an den Netzwerkgesprächen bei allen Beteiligten das Gefühl entwickeln kann, dass sie mit der herausfordernden Situation nicht alleine sind und sich gegenseitig unterstützen können. Die Erfahrung, dass Kommunikation und Offenheit gegenseitiges Verständnis, Nähe und somit auch Entwicklung ermöglichen kann, eröffnet oftmals neue Erfahrungswelten.

Manchmal brauchen herausfordernde Gespräche einen sicheren Raum, in denen sich Menschen trauen einander ehrlich zu begegnen.
Wenn jemand den Offenen Dialog in Anspruch nehmen möchte – wie läuft das ab? Wie kann Kontakt aufgenommen werden und entstehen für Betroffene oder Angehörige Kosten?
Aktuell arbeitet unser Team in der Krisenbegleitung auf Honorarbasis und ehrenamtlich im kleinen Umfang. Wir sind über dialoge@offenerdialog-ev.de erreichbar und antworten wöchentlich. Auf unsere Telefonnummer 0341 58155272 ist ein Anrufbeantworter geschaltet, wir hören ihn ebenfalls wöchentlich ab und rufen zurück. Direkt erreichen kann man unser Krisenteam telefonisch dienstags von 15:00 bis 17:00 Uhr. Das Angebot ist kostenfrei, wir freuen uns aber natürlich auch über eine Spende, um in Zukunft Krisenbegleitungen möglich zu machen.
Da die Finanzierung zurzeit nicht beständig ist, gerne auf unserer Webseite für den aktuellen Stand vorbeischauen. https://offenerdialog-ev.de/krisenbegleitung
Der Offene Dialog hat seinen Ursprung in Finnland und legt viel Wert auf Selbstbestimmung und Mitgestaltung. Welchen Mehrwert spürt ihr in eurer Arbeit – gerade im Vergleich zu klassischen Unterstützungsformen?
Ich glaube, der Unterschied liegt in der Haltung. Statt Diagnosen oder Maßnahmen in den Mittelpunkt zu stellen, geht es beim Offenen Dialog darum zu besprechen, was gerade da und wichtig ist. Menschen erleben, dass ihre eigene Sicht zählt und dass auch Angehörige oder Fachkräfte nicht „Besserwisser“ sind, sondern Teil eines gemeinsamen Austausches. Das ist oft entlastend, weil es Druck nimmt und neue Perspektiven öffnet.
Menschen können sich als Expert*innen für ihr eigenes Leben erleben und können erfahren, darin ernst genommen zu werden. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass das Prinzip verfolgt wird: “nicht über ihn*sie ohne ihn*sie”. Das heißt, dass die Moderierenden ihre eigenen Gedanken/Emotionen ebenso in der Gruppe teilen und dass außerhalb der Krisenbegleitungstermine keinerlei Gespräche über den Fall und alle Beteiligten geführt werden.
``Beim Offenen Dialog geht es darum zu besprechen, was gerade da und wichtig ist. Menschen erleben, dass ihre eigene Sicht zählt und dass auch Angehörige oder Fachkräfte nicht „Besserwisser“ sind, sondern Teil eines gemeinsamen Austausches.``

Offen miteinander ins Gespräch zu kommen, ist nicht immer leicht. Erst recht, wenn das betroffene System miteinander psychische Krisen in der Vergangenheit oder jetzt erlebt. Daher kann ein gehaltener Gesprächsrahmen – wie der offene Dialog – unterstützen, ehrlich über das Erlebte zu sprechen und schafft Verständis für verschiedene Perspektiven .
Was macht die Haltung im Offenen Dialog aus? Welche Prinzipien oder inneren Haltungen sind für euch besonders zentral?
Zentral sind für mich Transparenz, Gleichwertigkeit und das Zeigen von Unsicherheit. Das heißt: Wir gehen ohne vorgefertigte Deutungen in ein Gespräch und hören zu, was entsteht. Es geht um da zu sein, gemeinsam im Moment zu sein, ohne vorschnell zu bewerten oder die Situation lösen zu wollen.
Ein weiteres wichtiges Prinzip ist die Vielstimmigkeit: Jeder Gedanke, jedes Gefühl darf Raum bekommen, ohne dass jemand das Gespräch dominiert. So entsteht Vertrauen, Verständnis und Verbindung kann wachsen.
``Ein wichtiges Prinzip des offenen Dialogs ist die Vielstimmigkeit. - Es gibt nicht die eine Wahrheit.``
Ihr sprecht von Wertschätzung, Respekt und gemeinsamer Bewältigung. Wie erlebt ihr die Menschen, die am Offenen Dialog teilnehmen – vielleicht im Vergleich zu ihrem Zustand vor und nach dem Prozess?
Am Anfang spüren viele Menschen Ohnmacht über die Krise, Scham oder Angst, oft fühlen sich sich nicht verstanden oder ausgegrenzt. Auch wir Moderierende fühlen teilweise Ohnmacht und Erschöpfung. Im Verlauf der Gespräche verändert sich das oft: Wenn Menschen merken, dass ihnen wirklich zugehört wird.
Man sieht, wie Menschen Anspannung verlieren, Beziehungen wieder näher werden. Es geht nicht darum, dass „alles gut“ wird, sondern um das Anerkennen, was gerade da ist.
Der Offene Dialog bezieht ja bewusst das soziale Umfeld mit ein – also Familie, Freund*innen, Kolleg*innen. Wie reagieren diese Menschen darauf, Teil des Prozesses zu sein? Welche Dynamiken oder Veränderungen nehmt ihr wahr?
Anfangs sind Angehörige oder Bezugspersonen vielleicht skeptisch oder unsicher. Doch wenn sie erleben, dass auch ihre Perspektive gehört wird, ohne Schuldzuweisung oder Bewertung, verändert sich etwas. Die Atmosphäre wird offener, ehrlicher, manchmal auch emotionaler.
Manchmal verstehen Menschen zum ersten Mal, wie es der anderen Person wirklich geht, und umgekehrt. Diese geteilten Einsichten schaffen Nähe und gegenseitigen Respekt. Häufig berichten Angehörige später, dass sie sich selbst entlastet fühlen, weil sie das Gefühl haben, nicht mehr „alles allein tragen“ zu müssen.
Sehr wichtig ist auch, wie professionelle Unterstützer*innen, zum Beispiel Ärzt*innen, Therapeut*innen oder Sozialarbeiter*innen in Netzwerkgesprächen teilnehmen. Auch sie können das Netzwerkgespräch als wohltuend erleben, weil sie nicht mehr abgetrennt Entscheidungen treffen oder Fälle „managen“ müssen. Stattdessen können sie Teil eines dialogischen Prozesses sein, in dem ihr Fachwissen genauso Platz hat wie ihre eigene Menschlichkeit.
``Häufig berichten Angehörige später, dass sie sich selbst entlastet fühlen, weil sie das Gefühl haben, nicht mehr „alles allein tragen“ zu müssen.``
Gibt es eine Begegnung oder eine Situation, die euch besonders im Gedächtnis geblieben ist – vielleicht weil sie euch berührt oder überrascht haben?
Ich hatte schon sehr viele schöne Begegnungen in Bezug zum Offenen Dialog, auch in unserer Teilhabeberatung des Vereins oder im Privaten, wo sich meine Haltung etwas verändert hat.
Oft sagen Menschen später, sie hätten sich wirklich gehört und gesehen gefühlt, da freuen wir uns immer sehr.
Das Gespräch zeigt, wie sehr der Offene Dialog von Haltung, Vertrauen und Miteinander lebt. Alles Qualitäten, die wir alle – auch jenseits von Krisen – gut gebrauchen können. Vielen Dank an Michél & Paula vom Offenen Dialog e.V. in Leipzig, dass ihr uns diese Perspektive geöffnet habt.
Der Offene Dialog e.V. in Leipzig bietet neben der Krisenbegleitung auch Teilhabeberatungen, offene Gruppen zu bestimmten Themen und Weiterbildungen an.
Für alle, die tiefer in den offenen Dialog einsteigen wollen, werden über diesen Beitrag von Volkmar Aderhold, im Rahmen einer Tagung der Aktion psychisch kranke e.V. fündig.