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Umgang mit psychischen Krisen ist möglich

Offener Dialog als alternativer Behandlungsansatz in psychosozialen und psychotischen Krisen

Umgang mit psychischen Krisen ist möglich

Offen miteinander ins Gespräch zu kommen, ist nicht immer leicht. Erst recht, wenn das betroffene System miteinander psychische Krisen in der Vergangenheit oder jetzt erlebt. Daher kann ein gehaltener Gesprächsrahmen – wie der offene Dialog – unterstützen, ehrlich über das Erlebte zu sprechen und schafft Verständis für verschiedene Perspektiven .  

Was macht die Haltung im Offenen Dialog aus? Welche Prinzipien oder inneren Haltungen sind für euch besonders zentral?

Zentral sind für mich Transparenz, Gleichwertigkeit und das Zeigen von Unsicherheit. Das heißt: Wir gehen ohne vorgefertigte Deutungen in ein Gespräch und hören zu, was entsteht. Es geht um da zu sein, gemeinsam im Moment zu sein, ohne vorschnell zu bewerten oder die Situation lösen zu wollen.

Ein weiteres wichtiges Prinzip ist die Vielstimmigkeit: Jeder Gedanke, jedes Gefühl darf Raum bekommen, ohne dass jemand das Gespräch dominiert. So entsteht Vertrauen, Verständnis und Verbindung kann wachsen.

``Ein wichtiges Prinzip des offenen Dialogs ist die Vielstimmigkeit. - Es gibt nicht die eine Wahrheit.``
Michél & Paula vom offenen Dialog Leipzig e.V.

Ihr sprecht von Wertschätzung, Respekt und gemeinsamer Bewältigung. Wie erlebt ihr die Menschen, die am Offenen Dialog teilnehmen – vielleicht im Vergleich zu ihrem Zustand vor und nach dem Prozess?

Am Anfang spüren viele Menschen Ohnmacht über die Krise, Scham oder Angst, oft fühlen sich sich nicht verstanden oder ausgegrenzt. Auch wir Moderierende fühlen teilweise Ohnmacht und Erschöpfung. Im Verlauf der Gespräche verändert sich das oft: Wenn Menschen merken, dass ihnen wirklich zugehört wird.
Man sieht, wie Menschen Anspannung verlieren, Beziehungen wieder näher werden. Es geht nicht darum, dass „alles gut“ wird, sondern um das Anerkennen, was gerade da ist.

 

Der Offene Dialog bezieht ja bewusst das soziale Umfeld mit ein – also Familie, Freund*innen, Kolleg*innen. Wie reagieren diese Menschen darauf, Teil des Prozesses zu sein? Welche Dynamiken oder Veränderungen nehmt ihr wahr?

Anfangs sind Angehörige oder Bezugspersonen vielleicht skeptisch oder unsicher. Doch wenn sie erleben, dass auch ihre Perspektive gehört wird, ohne Schuldzuweisung oder Bewertung, verändert sich etwas. Die Atmosphäre wird offener, ehrlicher, manchmal auch emotionaler.

Manchmal verstehen Menschen zum ersten Mal, wie es der anderen Person wirklich geht, und umgekehrt. Diese geteilten Einsichten schaffen Nähe und gegenseitigen Respekt. Häufig berichten Angehörige später, dass sie sich selbst entlastet fühlen, weil sie das Gefühl haben, nicht mehr „alles allein tragen“ zu müssen.

Sehr wichtig ist auch, wie professionelle Unterstützer*innen, zum Beispiel Ärzt*innen, Therapeut*innen oder Sozialarbeiter*innen in Netzwerkgesprächen teilnehmen. Auch sie können das Netzwerkgespräch als wohltuend erleben, weil sie nicht mehr abgetrennt Entscheidungen treffen oder Fälle „managen“ müssen. Stattdessen können sie Teil eines dialogischen Prozesses sein, in dem ihr Fachwissen genauso Platz hat wie ihre eigene Menschlichkeit.

``Häufig berichten Angehörige später, dass sie sich selbst entlastet fühlen, weil sie das Gefühl haben, nicht mehr „alles allein tragen“ zu müssen.``
Michél & Paula vom offenen Dialog Leipzig e.V.

Gibt es eine Begegnung oder eine Situation, die euch besonders im Gedächtnis geblieben ist – vielleicht weil sie euch berührt oder überrascht haben?

Ich hatte schon sehr viele schöne Begegnungen in Bezug zum Offenen Dialog, auch in unserer Teilhabeberatung des Vereins oder im Privaten, wo sich meine Haltung etwas verändert hat.

Oft sagen Menschen später, sie hätten sich wirklich gehört und gesehen gefühlt, da freuen wir uns immer sehr.

Das Gespräch zeigt, wie sehr der Offene Dialog von Haltung, Vertrauen und Miteinander lebt. Alles Qualitäten, die wir alle – auch jenseits von Krisen – gut gebrauchen können. Vielen Dank an Michél & Paula vom Offenen Dialog e.V. in Leipzig, dass ihr uns diese Perspektive geöffnet habt.

Der Offene Dialog e.V. in Leipzig bietet neben der Krisenbegleitung auch Teilhabeberatungen, offene Gruppen zu bestimmten Themen und Weiterbildungen an.

Für alle, die tiefer in den offenen Dialog einsteigen wollen, werden über diesen Beitrag von Volkmar Aderhold, im Rahmen einer Tagung der Aktion psychisch kranke e.V. fündig.